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Presseberichte zum 25-jährigen Bestehen des Gorlebener Gebetes

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Beten gegen Atomtransporte

25 Jahre Widerstandsgebet in Gorleben Von Thomas Klatt

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Ein Schild weist am in Gorleben den Weg zum Erkundungsbergwerk. Der Name des Dorfs ist seit Jahren wegen 113 Behältern radioaktiven Mülls bekannt, die im Wald auf ein Endlager warten.
Ein Schild weist am in Gorleben den Weg zum Erkundungsbergwerk. Der Name des Dorfs ist seit Jahren wegen 113 Behältern radioaktiven Mülls bekannt, die im Wald auf ein Endlager warten. (picture alliance / dpa)

Wie lange dauert ein Gebet? Eine Minute, zwei, fünf. Aber 25 Jahre? In Gorleben, wo ein Atommüll-Endlager geplant ist, treffen sich so lange schon Christen, Muslime, Juden und Buddhisten bei Wind und Wetter zum "Gorlebener Gebet".

Hafner-Reckers: "Jeden Sonntag, seit 25 Jahren, egal ob es geregnet hat oder die Sonne warm war, oder es auf dem Sylvester fiel, immer. Jeden Sonntag."Die Yoga-Lehrerin Elisabeth Hafner-Reckers organisiert derzeit das wöchentliche Gorlebener Gebet. Auch wenn sie selbst mit ihrer Familie erst seit sieben Jahren im Wendland wohnt, den Geist des Atomwiderstandes hat sie schon voll und ganz verinnerlicht.
"Was können wir denn Besseres tun, als uns an der Bibel zu orientieren, an den Geschichten aus dem Alten Testament, in denen ja auch immer wieder beschrieben wird, wie Menschen in völlig hoffnungslosen und ausweglosen Situationen sich verhalten haben und was sich daraus entwickelt hat?"

Als zu brav belächelt?

Der letzte Atommüll-Transport war 2011, und ein wenig Ruhe scheint ins Wendland eingekehrt zu sein. Aber der nächste Castor kommt bestimmt. Allein jetzt schon lagern in Gorleben 113 Castor-Behälter in einem eigenen Areal unweit des Erkundungsbergwerkes. Ist Beten wirklich die richtige Widerstandsform dagegen? Oder wird das nicht von anderen Castor-NIX-Gegnern als zu brav belächelt?
Hafner-Reckers: "Nein, das wird sehr ernst genommen. Das ist eben das Bezaubernde hier an diesem Widerstand, dass wir sagen, wir sind einheitlich in dem Ziel, aber wir respektieren die unterschiedlichen Widerstandsformen und fangen nicht an, uns gegeneinander auszuspielen. Wenn hier vor den Castoren 200 Menschen vor den Kreuzen gestanden haben und die Pastoren rumgegangen sind und gefragt haben: Sollen wir Euch segnen? Und haben das dann auch gemacht, das war so was Anrührendes. Und das zeigt auch Wirkung."

Widerstandsmotivation durch das Beten

Auch nach 25 Jahren können selbst Junge sich mit dieser christlichen Form des Widerstandes anfreunden. Wie etwa Sonja Barthel von der Evangelischen Studierenden-Gemeinde Oldenburg.
"Die meisten Leute, die beim Gorlebener Gebet sind, haben auf der Straße gesessen, sitzen immer wieder auf der Straße. Diese Menschen ziehen einfach aus dem Gebet, das es zusätzlich gibt, unglaublich viel Kraft und Hoffnung, der den anderen Widerstand, der nebenher auch läuft, lebendig hält und immer wieder bestärkt auch. Und zum anderen liefert das einem auch eine Widerstandsmotivation, zu sagen, aus meinem Glauben heraus setze ich mich ein ganz bewusst zur Bewahrung der Schöpfung. Und da gehört Widerstand gegen die Atomenergie ganz selbstverständlich mit dazu."
Auch wenn die Kreuze das christliche Symbol der Passion und Wiederauferstehung Jesu Christi sind, so sind die Gebete und Lieder in Gorleben interreligiös getragen. Zum Festtag spricht die buddhistische Menschenrechtsaktivistin Stella Tamang aus Nepal. Sie fühlt sich schon lange mit dem Bürgerprotest im Wendland verbunden.
"Das was hier falsch gemacht wird, was hier kaputt geht, das beeinträchtigt ganz sicher auch die Menschen im Himalaja. Für mich ist euer Gebetsplatz eine sehr heilige Pilgerstätte."

"Ist Atomkraft koscher?

Auch die jüdische Kantorin Jalda Rebling aus Berlin-Prenzlauer Berg kommt immer wieder zu den Kreuzen unweit des sogenannten Erkundungsbergwerkes in Gorleben.
"Ist Atomkraft koscher? Ne Frage, die mein Lehrer Reb Schachter Schalomi vor 40 Jahren gestellt hat. Damals wurde er ausgelacht für die Frage. Und heute diskutiert die jüdische Welt darüber. Wie gehen wir um mit der atomaren Bedrohung, die wir durch die sogenannte friedliche Nutzung von Atomenergie in die Welt setzen?"

Die jüdische Künstlerin Anna Adam fährt ihren "Happy Hippie Jew Bus" auf das Gelände, in und an dem bunte Protestfähnchen gebastelt werden. Diese werden als Dauerprotest rund um das Hochsicherheitssperrgelände des Erkundungsbergwerkes gespannt.

Erstes Kreuz kam aus Wackersdorf

"Es soll weitergeführt werden. Das ganze Projekt soll wachsen. Da vorne steht ein Fass, das ist das Aktionsfass, und da findet man Fähnchen, Tacker, Stifte. Und unsere Hoffnung ist, dass das über Wochen und Monate weiter geführt wird, bis das gesamte Areal mit Fähnchen umrandet ist. Und meine allergrößte Hoffnung ist, dass die Leute auch wieder positive und schöne und kreative Ideen bekommen und wieder zu Kräften kommen. Die sind teilweise ganz schön müde geworden."

Das erste Kreuz wurde 1988 während der ökumenischen Friedenswallfahrt aus dem bayerischen Wackersdorf hierher gebracht. Ein Jahr später begannen die regelmäßigen wöchentlichen Protest-Andachten. Der Widerstand gegen die Atomkraft aber ist noch älter. Zu den Urmüttern der Bewegung gehört Marianne Fritzen. Weltberühmt das Schwarz-Weiß-Foto von Günter Zint: Die kleine Frau mit der Pudelmütze, die ängstlich-skeptisch auf eine martialisch anmutende Polizeireihe blickt. Die engagierte Katholikin und später langjährige Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg wollte schon Anfang der 1970er-Jahre die Kirchen mit ins Protestboot holen. Damals ging es noch um den Bau eines Atomkraftwerkes.

Protest war umstritten bei Evangelischen Kirche

"Es war zumindest umstritten seitens der Evangelischen Kirche. Bei uns war das nie umstritten. Da hatten ja vor allem die Pastoren sehr viel Ärger damit. Das Kreuz trägt man nicht auf die Straße, das war einer der Gründe. Es dürfe politisch nicht missbraucht werden. Zu der Zeit, als wir angefangen haben, da hatten wir noch eine ganz strikte Pro-Atom-Regierung, und die Pastoren waren natürlich auch dafür, und ich war ja in der Kirche engagiert, vorher als Pfarrgemeinderatsvorsitzende. Und da wollte ich gern einen Vortrag machen lassen zur Atomenergie, aber es wurde von meinen Kollegen abgelehnt."

Das Atomkraftwerk wurde nicht gebaut, dafür aber das Erkundungsbergwerk und Atommüllzwischenlager für die Castoren. Den heutigen Bischof der evangelischen Landeskirche von Hannover, Ralf Meister, erfüllt es mit Scham, wenn er zurückdenkt.

"Ich erinnere für unsere Kirche selbstkritisch daran, dass es 1980 zu Pfingsten war, als Pastor Gottfried Mahlke in Gartow die Predigt am Bohrloch 1004 untersagt wurde. Die Erinnerung an mutige Zeugen wie Pastor Mahlke und seine Ehefrau und viele, viele andere gehören auch in die Erinnerung, auch in eine schuldhafte Erinnerung unserer Landeskirche."

"Ein Thema der gesamten Gesellschaft"

Neben Mitgliedern aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft sitzt Ralf Meister nun als Vertreter der Evangelischen Kirche in der bundesdeutschen Kommission zur Endlagersuche. Er fordert Transparenz und Bürgerbeteiligung. Auch wenn hier nun schon über Hundert Castoren zwischenlagern, eine Vor-Festlegung auf Gorleben als Endlager dürfe es nicht geben. Denn die Atommüllfrage sei letztlich ein nationales Problem.

"Ich selbst hab vor einigen Monaten auch schon meine Bischofskollegen und Bischöfinnen in Deutschland angeschrieben und gesagt, nehmt dieses Thema auch in eure Landessynoden, das ist ein Bundesthema. Das ist eben kein Thema der Hannoverschen Landeskirche, es ist kein Thema im Wendland allein, sondern es ist das Thema der gesamten Gesellschaft."

Der Kampf ist also längst noch nicht zu Ende. Und auch nach 25 Jahren wird es weiterhin Sonntag für Sonntag das Gorleben-Gebet wohl geben müssen.

 

Beharrlicher Protest an den Gorleben Kreuzen

Ein Neustart in der Endlagersuche. Für die Initiative Gorlebener Gebet ändert das nichts

Von Karen Miether (epd)

Gorleben/ Kr. Lüchow-Dannenberg (epd). Elisabeth Hafner-Reckers holt Planen und Strohsäcke aus einem Verschlag - Nässeschutz und Polster. Richtig bequem wird der Sitzplatz auf einem mit Bohlen befestigten Erdwall auch damit nicht. An Birken, Kiefern und vier Holzkreuzen vorbei fällt der Blick auf das Erkundungsbergwerk im niedersächsischen Gorleben. An jedem Sonntag treffen sich hier im Wald Menschen zum "Gorlebener Gebet", seit 25 Jahren schon. So lange der Salzstock als Endlager für Atommüll in der Auswahl bleibt, wollen sie damit weitermachen - mindestens.

"Wenn Gorleben als Standort aufgegeben wird, werden wir 25 Jahre weiter hier sitzen und Gott danken", zitiert Elisabeth Hafner-Reckers einen langjährigen Mitstreiter. Die Gruppe rechnet sich zur Protestbewegung gegen die Atomanlagen, die an den Wald angrenzen. "Ob bei Kälte oder strömendem Regen, noch nie ist ein Gorlebener Gebet ausgefallen", sagt Koordinatorin Christa Kuhl. Am 29. Juni feiert die Initiative mit dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister als Gast ihren Jahrestag der Beharrlichkeit.

"Das Gorlebener Gebet ist ein hoffnungsweckendes Beispiel dafür, wie widerständig der christliche Glaube sein kann", sagt der evangelische Bischof. Längst ist die Initiative in der Kirche anerkannt. In den Anfangsjahren allerdings wurde sie mit Misstrauen betrachtet, denn im Wald predigen nicht nur Theologen. Mal spricht ein Ehepaar im Wechsel, dann wieder gestaltet ein Studentenchor die Andacht. Muslimische Frauen haben schon Friedenstexte aus dem Koran vorgelesen.

Seit 1989 werden die "Gorlebener Gebete" regelmäßig gefeiert. Doch ihre Geschichte reicht weiter zurück und ist eng verknüpft mit dem Streit um die Atomkraft in Deutschland. 1985 haben Atomkraftgegner erstmals ein Holzkreuz nach Gorleben getragen. Auseinandersetzungen mit den Behörden und mit Kirchenvertretern begleiteten seinen Weg vom Kraftwerk Krümmel bei Hamburg ins Wendland.

1988 beteiligten sich rund 6.000 Menschen an einem Protestmarsch vom bayerischen Wackersdorf nach Gorleben. Brüchig geworden steht das Kreuz von damals noch dort, angelehnt an einen Baum. Auch die anderen Kreuze wurden bei "Kreuzwegen für die Schöpfung" in den Wald geschleppt - 2001 etwa von Lüneburg entlang der letzten Etappe der Castor-Transporte aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins Gorlebener Zwischenlager.

Die Atommüll-Halle, in der 113 Behälter mit Kernbrennstoffen lagern, liegt kaum einen halben Kilometer vom Andachtsort entfernt. Zuletzt rollten im November 2011 Castoren nach Gorleben, begleitet von Massenprotesten. Mit ihnen stieg auch die Besucherzahl der Gorlebener Gebete oft auf mehr als 150 an. Aber selbst jetzt, nachdem die Politik einen Neustart für die Suche nach einem atomaren Endlager angekündigt hat, kommen Kuhl zufolge rund 30 Menschen jede Woche - so auch an diesem Tag.

"Es wird keine objektiven Kriterien für ein Endlager geben, solange Gorleben in die Suche einbezogen ist und in den Köpfen spukt", sagt Elisabeth Hafner-Reckers. Doch nicht nur für eine politische Umkehr mit Blick auf Gorleben beten die Frauen und Männer. "Wir bitten um Frieden und Hilfe gegen den Hunger in der Welt", ergänzt Christa Kuhl: "Es geht um Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung."

Die ungezwungene Atmosphäre unter freiem Himmel zieht auch Menschen an, die sonst in keine Kirche gehen. "Für mich ist das hier die Gemeinde", sagt Ruth Meiners aus Salzwedel. Seit 15 Jahren kommt sie hierher. Mittlerweile ist sie 84 und hat einen bequemen Klappstuhl dabei. "Wenn Gorleben bei der Endlagersuche rausfällt, treffen wir uns aus anderen Anlässen", sagt sie. Doch die Skepsis überwiegt: "Wir glauben nicht daran." (3033/13.06.14)

 

Das Gorlebener Gebet: Für das stetige Wachen

Gorlebener Gebet

Foto: Cornelia Kurth

Unter den Gorlebener Kreuzen treffen sich seit 25 Jahren Menschen zum Widerstand gegen die Atomkraft.

Das Gorlebener Gebet: 25 Jahre lang, jeden Sonntag bei Wind und Wetter, mal zu Hunderten und mal nur Zweien oder Dreien, wird im Wald beim geplanten Endlager für Atommüll dafür gewacht und gebetet, dass verantwortungslos erscheinende Energiepolitik nicht die Zukunft der Schöpfung gefährdet. Was eint die Menschen an, was lässt sie wiederkommen? Eine Reportage aus dem Wendland.

30.06.2014 | von Cornelia Kurth

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"Wir sind furchtlos, ja!" Das sagt Hans-Dieter Kuhl, einst Bewährungshelfer, 78 Jahre alt, und seine 75jährige Frau Christa, pensionierte Lehrerin, nickt ihm lächelnd zu. Die beiden sind alte Kämpfer, erfahren im Demonstrieren und Diskutieren, längst gelassen im Umgang mit wehrhafter Polizei und ausgesprochen stoisch, wenn es darum geht, in Wind und Wetter protestierend auszuharren. Ziemlich außergewöhnliche Bürger, und doch heute nur ein Paar unter so vielen anderen Menschen, deren Leben von dem geprägt ist, was sie "Widerstand" nennen, Widerstand gegen den Einsatz der Atomkraft und vor allem Widerstand gegen das geplante Endlager für den strahlenden Müll im Erkundungsbergwerk Gorleben.

"Fast alle, die sich an diesem Sonntag im Wald vor dem Erkundungsbergwerk zusammenfinden, haben "Kampf-Geschichten" zu erzählen, standen schon vermummten Hundertschaften der Polizei gegenüber, saßen in Straßenblockaden, flohen vor Wasserwerfern oder unterstützten diejenigen Castor-Gegner mit Speis, Trank und Ermutigung, die sich an den Transportgleisen zum Zwischenlager festgekettet hatten. Heute aber feiern sie den 25. Geburtstag eines meist eher stillen und gerade deshalb fast um so beeindruckenderen Protestes, das "Gorlebener Gebet", und sie feiern die Tatsache, dass sich wirklich ein Vierteljahrhundert lang jeden einzelnen Sonntag, sommers wie winters Menschen fanden, die eine Andacht hielten an diesem Ende der Welt, manches Mal zu Vielen und von der Presse begleitet, meistens aber nur mit einer Handvoll Betender und ohne einen anderen Zeugen als Gott.

"Was hast Du gemacht, damals?"

In einer Waldschneise treffen sich die Teilnehmer des "Gorlebener Gebetes", 300 Meter vom Eingang des Bergwerkes entfernt, mit Blick auf den Bohrturm, der sich bedrohlich wie der Turm einer feindlichen Burg erhebt, dort, wo drei große Holzkreuze stehen, das erste von ihnen 1988 aus dem bayrischen Wackersdorf 1113 Kilometer quer durch Deutschland bis ins abgelegene Wendland auf dem Rücken von Demonstranten angeschleppt.

Foto: Cornelia Kurth

Marianne Fritzen (rechts) und Evelyn Stendel wollen nachfolgenden Generationen eine saubere Welt hinterlassen

Marianne Fritzen war damals dabei, jetzt 90 Jahre alt, ebenso wie ihre Freundin, die fast 80jährige Evelyn Stendel, die das Holzkreuz ebenfalls trug, "aber nur kurz", sagt die zierliche Frau, "man will die Sache ja schließlich gesund überleben." Was sie eint, spricht Christa Kuhl aus: Das Bedürfnis, nicht beschämt und sprachlos dazustehen, wenn Kinder und Kindeskinder fragen: "Was hast Du gemacht, damals, als sie bereit waren, die Zukunft zu verraten?"

Nicht nur die Veteranen kommen an diesem Sonntag zur traditionellen Gebetszeit um 14 Uhr, auch jüngere Leute sind unter den wackeren Betern, darunter die Kinder und Enkelkinder des Ehepaars Kuhl, chorsingende Studenten aus Oldenburg, die Gäste aus Namibia mitbringen, die beiden jüdischen Künstlerinnen Jalda Redling und Anna Adam aus Berlin, die dafür sorgen, dass sich ein Band aus 1000 bunten Gebetsfahnen entlang der Bäume rund um das Erkundungsbergwerk zieht.

Zeitreise mit "Atomkraft - Nein Danke"-Schildchen

Bevor man sich nämlich bei den drei Holzkreuzen trifft, startet ein "Widerstands-Marathon", der einmal um das mit Nato-Draht abgeschirmte Bergwerk führt, von dessen Mauern Wachleute betont gleichgültig herabschauen.

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Man stärkt sich zuvor mit Bio-Limo und dem Gesang der allerersten Protestlieder ("Das Wendland bleibt frei!") und steht dabei in der Nähe eines Schiffes, ja, der Greenpeace-Beluga, die im letzten Jahr auf der Waldlichtung ihren letzten Hafen fand. Wer noch nie in Gorleben war, kann sich wirklich zurückversetzt fühlen in die 1980er Jahre, wo selbstverständlich jeder, der was auf sich hielt, ein "Atomkraft - Nein Danke"-Schildchen trug, wo die Frauen ihre langen Haare offen trugen und die Männer in bunten Hosen herumliefen. Yogalehrerin Elisabeth Hafner-Reckers aus dem benachbarten Rehbeck, Organisatorin der Gebetstermine, sie wirkt mit ihrer runden Brille, ihrem Lachen und der orangen Jacke immer noch wie das Mädchen von damals, das bei den Demos die Fahne trug.
Da stehen und sitzen nun alle nach dem "Marathon", an dessen einer Station Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) eine flammende Rede hielt, im Wald bei einem Holzunterstand, wo Berge von Obst, Brötchen und Bioaufschnitt sich türmen, und man fühlt sich wie auf einem Geburtstagsfest, dessen Höhepunkt gleich beginnen wird. Zum ungefähr 1.500. Mal versammeln sich dann alle bei den drei Holzkreuzen, und neben Vertretern der katholischen Kirche wird als besonderer Gast der hannoversche Landesbischof Ralf Meister erwartet, mit Spannung, sitzt er doch seit kurzem in der Endlager-Kommission, die entscheiden wird, wie es mit Gorleben weitergehen soll.

Foto:Cornelia Kurth

Bischof Ralf Meister lobt Atom-Widerstand im "Gorlebener Gebet".

"Ihr missbraucht das Kreuz!" - diesen harten Vorwurf nämlich, wie er oftmals aus Politik und auch der Kirche erhoben wurde, werden Hans-Dieter und Christa Kuhl niemals vergessen. "Ich weiß noch zu gut, wie es hieß: 'Ihr werdet doch wohl nicht in Gottes Namen eine Technik behindern wollen, die so viel Gutes für die Zukunft bringen wird", sagt Hans-Dieter Kuhl. "Dabei hatte es da den Super-Gau in Tschernobyl schon gegeben." Was also würde der Landesbischof sagen, welche Richtung seine Predigt nehmen? Propst Stephan Wichert-von Holten von der Propstei Lüchow war eher vorsichtig und sprach davon, Gott zu danken für jede "kleinste Erfüllung" von 25 Jahren Gebeten, die doch aber immer aufs Ganze gingen, nämlich, dass Schluss sein soll mit Zwischenlager und vor allem mit den zweifelhaften Endlagerplänen.

Landesbischof Meister ließ sich auf keinerlei Kompromiss ein. Er schilderte, wie er vor vier Jahren zum ersten Mal und ganz allein den geschichtsträchtigen Gebetsplatz im Abenddämmerungs-Wald besuchte und ihm klar wurde, dass das Gorlebener Anliegen zu einem der wichtigsten Anliegen auch der Landeskirche werden müsse; wie er daran dachte, dass zwei Balken und zwei Schrauben schon ausreichen, um eine Hinrichtungsstätte in Form des Kreuzes zu errichten, und dass bereits durch zunächst vielleicht harmlos erscheinende Taten Leid, Schmerz und Zerstörung entstehen kann.

Atomkraftgegner blicken zuversichtlich in die Zukunft

"Ich will nicht verschweigen, dass die Kirche diesen Ort mit Argwohn betrachtete und das Gorlebener Gebet am liebsten verhindert hätte", sagte er. Das kontinuierliche Gebet aber habe der Möglichkeit zur gesellschaftlichen Umkehr Gehör verschafft, auch in der Landeskirche.

"Wir müssen uns bewusst sein, dass zum Handlanger der Zerstörung schon werden kann, wer allein den herrschenden Ideologien vertraue", so Meister weiter. "Auch, wer den Widerspruch nicht pflegt und lieber schläft statt wacht, kann zum Mittäter werden." Das Gorlebener Gebet sei "ein entschiedener Versuch gegen die Versuchung, einfach nur dahinzudämmern". Hätte es sich nicht um eine Andacht, sondern um eine politische Rede gehalten, die über hundert Teilnehmer wären wohl alle aufgesprungen und hätten stehenden Applaus gespendet.

Foto: Cornelia Kurth   Hans-Dieter Kuhl ist erfahren im Kampf gegen die Atomkraft.

Statt dessen sangen sie zum Abschied das schöne "Bleibet hier, wachet und betet", und machten sich dann auf ins in der Gegend weithin berühmte "Widerstands-Gasthaus Wiese" in Nachbardorf Gedelitz, wo es Jubiläumstorte zu verspeisen galt und man sich erneut versprach, im Fall, dass Gorleben endgültig als mögliches Endlager ausscheide, Gott weitere 25 Jahre lang für den Erfolg zu danken. "Ich fange schon jetzt damit an", meinte Hans-Dieter Kuhl. "Denn ich weiß, ich weiß, dass wir Erfolg haben!"

29. Juni 2014  epd

Landesbischof Meister lobt Atomkraft-Widerstand im "Gorlebener Gebet"

Gorleben/Kr. Lüchow-Dannenberg (epd). Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat das "Gorlebener Gebet" im Wendland als Beispiel für "widerständige Aufmerksamkeit mit langem Atem" bezeichnet. Im Wald neben dem Erkundungsbergwerk im niedersächsischen Gorleben sagte er am Sonntag in einer Predigt, hier gehe es darum, den Möglichkeiten zu Umkehr und Einsicht gesellschaftlich und politisch Gehör zu verschaffen. Seit 25 Jahren kommen Menschen jeden Sonntag im Wald zusammen, um dafür zu beten, dass der Gorlebener Salzstock kein Atommüll-Lager wird.

Die Organisatoren rechnen sich deshalb zur Protestbewegung gegen die Atomanlagen, die an den Wald angrenzen. "Wie sehr die Gesellschaft diese Mahnung braucht, erleben wir an der Endlagerfrage", sagte Meister. "Heute gilt es, die Fehler einer falschen Energiepolitik aufzuarbeiten und mühsam den Ausgangspunkt für neues Vertrauen suchen." Der Vertrauensverlust, den die Gesellschaft durch die Energiepolitik vergangener Jahre erlitten habe, wiege schwer. Meister ist Mitglied einer bundesweiten Kommission, die bis spätestens 2016 Kriterien für die Suche nach einem Atommüll-Endlager erarbeiten soll.

Meister sagte, Menschen müssten keinen großen Aufwand betreiben, um sich mit Tod und Zerstörung zu verbünden. Zum Handlanger der Zerstörung könne schon werden, wer allein den herrschenden Ideologien vertraue. "Aber auch, wer den Widerspruch nicht pflegt und lieber schläft statt wacht, kann zum Mittäter werden." Das Gorlebener Gebet sei "ein entschiedener Versuch gegen die Versuchung, einfach nur dahinzudämmern".

Seit 1989 werden die "Gorlebener Gebete" regelmäßig gefeiert. Doch ihre Geschichte reicht weiter zurück und ist eng verknüpft mit dem Streit um die Atomkraft in Deutschland. 1985 haben Atomkraftgegner erstmals ein Holzkreuz nach Gorleben getragen. Auseinandersetzungen mit den Behörden und mit Kirchenvertretern begleiteten seinen Weg vom Kraftwerk Krümmel bei Hamburg ins Wendland.

1988 beteiligten sich rund 6.000 Menschen an einem Protestmarsch vom bayerischen Wackersdorf nach Gorleben. Brüchig geworden steht das Kreuz von damals noch dort, angelehnt an einen Baum. Auch andere Kreuze wurden bei "Kreuzwegen für die Schöpfung" in den Wald geschleppt - 2001 etwa von Lüneburg entlang der letzten Etappe der Castor-Transporte aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins Gorlebener Zwischenlager.

Die Atommüll-Halle, in der 113 Behälter mit Kernbrennstoffen lagern, liegt kaum einen halben Kilometer vom Andachtsort entfernt. Zuletzt rollten im November 2011 Castoren nach Gorleben, begleitet von Massenprotesten. Mit ihnen stieg auch die Besucherzahl der Gorlebener Gebete oft auf mehr als 150 an. Aber selbst jetzt, nachdem die Politik einen Neustart für die Suche nach einem atomaren Endlager angekündigt hat, kommen jede Woche etwa 30 Menschen, um zu beten.

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

 

27.06.14  HAMBURGER ABENDBLATT

Andacht bei Wind und Wetter: 25 Jahre Gorlebener Gebet

Seit 25 Jahren treffen jeden Sonntag Menschen am Atommülllager in Niedersachsen, um gegen die Atomkraft zu demonstrieren. Am kommenden Sonntag hält der evangelische Landesbischof eine Andacht

Foto: dpa
Landesbischof Ralf Meister

Am Sonntag wird der evangelische Landesbischof Ralf Meister von 14 Uhr an an der Gebetsstätte eine Andacht halten

Gorleben. Es ist der wohl andächtigste Protest am Atommülllager Gorleben: Seit 25 Jahren treffen sich dort jeden Sonntag Menschen, um gegen die Atomkraft zu demonstrieren. "Egal ob bei Wind, Wetter, Schnee oder Eis – das Gebet ist noch nie ausgefallen", sagt die 90 Jahre alte Marianne Fritzen, die schon beim ersten Gebet 1989 dabei war. Am Sonntag wird der evangelische Landesbischof Ralf Meister von 14 Uhr an an der Gebetsstätte eine Andacht halten.

Bei den Veranstaltungen im Wald nahe des Erkundungsbergwerks wird gesungen, gemahnt oder philosophiert – und das interreligiös. "Mit dabei sind Katholiken und Protestanten. Mal sind es islamische Gottesdienste, mal leitet eine jüdische Kantorin die Veranstaltung", sagt Dieter Reckers vom Initiativkreis des Gorlebener Gebets. "Heute sind es im Schnitt etwa 30 Menschen, die sonntags am Gebet teilnehmen."

Das Gorlebener Gebet hat seinen Ursprung 1988: Damals marschierten Atomkraftgegner mit einem sechs Meter hohen Holzkreuz vom bayerischen Wackersdorf nach Gorleben. Unter diesem und Kreuzen weiterer Märsche versammelten sich einige Monate später jeden Sonntagmittag Menschen.

(dpa)