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Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers schreibt auf Ihrer Homepage:

Gorleben-Widerständlerin Marianne Fritzen stirbt im Alter von 91 Jahren

 

Lüchow (epd). Die langjährige Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Marianne Fritzen, ist tot. Sie starb in der Nacht zu Montag einen Monat vor ihrem 92. Geburtstag, wie die Initiative am Montag mitteilte. Wie kaum eine andere Person habe Fritzen den Protest gegen die Gorlebener Atomanlagen geprägt. Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) würdigte das jahrzehntelange Engagement der Aktivistin.

1973 beteiligte sich Fritzen an der Gründung der Bürgerinitiative, bis 1982 war sie deren Vorsitzende, später übernahm sie den Ehrenvorsitz. Bis zu ihrem Tod war sie im Vorstand des Gorleben-Archivs aktiv. Regelmäßig nahm sie auch am "Gorlebener Gebet" teil.

Hendricks sagte, mit Fritzen verliere Deutschland einen Menschen, der "wie wenige andere sein Leben dem Widerstand gegen den Irrweg der Atomkraftnutzung" gewidmet habe. "Das Bild von der kleinen tapferen Frau mit der Strickmütze, die sich von den behelmten Polizisten um sie herum nicht einschüchtern lässt, wurde zur Ikone der Bürgerbewegung gegen Atomkraft und Atommüll in Gorleben."

Fritzen habe das verkörpert, was gewaltfreien Widerstand ausmache, fügte Hendricks hinzu: "Entschlossenheit, Mut und Ausdauer." Sie sei unnachgiebig in der Sache, aber immer zum Gespräch mit ihren Gegnern bereit und in der Lage gewesen. Die Anti-Atombewegung, aber auch die Gesellschaft insgesamt hätten ihr viel zu verdanken. "Ich verneige mich vor einer großartigen Frau, vor einem warmherzigen Menschen", sagte Hendricks.

Ende der 1970er Jahre gehörte Fritzen auch zu den Mitbegründern der Grünen Liste Umweltschutz in Niedersachen. Für die spätere Partei engagierte sie sich zunächst als Kommunalpolitikerin im Kreistag von Lüchow-Dannenberg und im Samtgemeinderat Lüchow. 2000 brach sie mit den Grünen und verließ die Partei aus Protest gegen den Atomkonsens, den die damalige rot-grüne Bundesregierung mit den AKW-Betreibern ausgehandelt hatte. 2010 erhielt sie den mit 10.000 Euro dotierten Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung.

Die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms würdigte Fritzen als "die große Frau mit politischem Weitblick und Instinkt in der Anti-Atom- Bewegung". Sie habe dieser Bewegung immer wieder Orientierung gegeben.

Dieter Reckers vom Koordinationskreis des "Gorlebener Gebetes" sagte dem epd, Fritzen habe die wöchentlichen Andachten "durch ihre Persönlichkeit und viel Herzblut bereichert". Die "Gorlebener Gebete" werden seit 1989 an jedem Wochenende im Wald an den Gorlebener Atomanlagen gefeiert.

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
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Rolf Adler Umweltbeauftragter der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers schreibt:

Lügen muss man Beine machen. Zum Tode von Marianne Fritzen

"Jaaa!?" Wenn Marianne Fritzen einer Einschätzung von mir nicht folgte, kam nicht sofort Widerspruch. Sie dehnte ein fragendes „Ja??“, sah mir in die Augen und ich wusste, hier musst du noch Überzeugungsarbeit leisten oder besser: dich und deine Überzeugung selbst prüfen. Und dann war da noch dieses „Sie müssen aber auch mal…“, oder „Sie müssen aber noch…“.

Stets ein Aufgabenpaket unter dem Arm und im Kopf, konnte einen diese Frau nicht einfach gehen lassen. Sie wusste zu viel, hatte zu viel gesehen und erfahren. Und alles war in ihrem wachen Verstand konzeptionell verdichtet und drängte zur Tat.

Es blühten zu viele Verbesserungsvorschläge in ihrem Herzen, als dass sie einen hätte einfach nach Hause gehen lassen können. Die Welt musste bewegt und verändert werden. Es gab viel Anlass zu Widerstand und Protest. Der Mainstream, wie man heute sagen würde, war ihr suspekt. Sie sah überall Gelegenheit, Barrikaden zu errichten, gegen die Unvernunft der Masse, gegen die Gier der Profiteure und gegen das Establishment auf überörtlicher und lokaler politischer Bühne. Solche Barrikaden mussten nicht aus Baumstämmen oder Strohballen oder Sand oder Steinen sein.

Geist war ihr auch eine willkommene Masse, mit der Mensch Politik machen konnte. Sie konnte sich mit dem Megafon spontan vor eine große Menge stellen und eine Überzeugung nach der anderen weitersagen. Sie konnte in kleinem Kreis auf den Strohballen hellwach und meisten kritisch-bissig kommentieren, was nicht in ihre Vorstellung von besserer Politik passte. Sie konnte aber auch irgendwie die Mutter sein, nicht nur die „Mutter des Widerstandes“ (wobei ich diese Metapher schon ein wenig respektlos empfinde), sondern auch die des zweifelnden Bürgers, der sich bei herannahender Polizeiübermacht ängstlich fragte, ob er bleiben sollte oder der zweifellos nahenden Konfrontation mit den sog. „Ordnungsmächten“ ausweichen. Natürlich sollte er bleiben, so die klare Orientierung von Marianne Fritzen. Natürlich, denn alles andere wäre Verrat an der gemeinsamen Sache. Gorleben war für sie eine in Hinterzimmern und Hintergrundgesprächen ausgeheckte Sauerei. Nicht zu verantworten. Nicht vernünftig und schon gar nicht legitim. Darum musste es ja auch mit Gewalt durchgeprügelt werden, weil das Konzept eine einzige Lüge war. Und nur die Wahrheit bahnt sich selbst ihren Weg, Lügen muss man Beine machen, notfalls mit Polizei und Staatsanwaltschaft. Lügen jedweder Art werden es ohne diese Frau nun leichter haben. Da ist jemand gegangen, den man nicht so leicht täuschen konnte.

Und so hoffe ich, dass viele sich berufen fühlen, ein Aufgabenpaket von Marianne auf- und anzunehmen. Als Erbe, als Zumutung und als Hoffnungspaket im Namen dieser Kämpferin. Zu ihrem Leben allerdings gehört kein langgedehntes, fragendes Ja, sondern eines mit einem dicken Ausrufezeichen! 

Rolf Adler Umweltbeauftragter der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers

 

Predigt von Landesbischof Meister am 29.6. beim Gorlebener Gebet.


29. Juni 2014

Es gilt das gesprochene Wort

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Am Palmsonntag 1988 wurde das Kreuz für den Ökumenischen Kreuzweg von Wackersdorf nach
Gorleben zusammengebaut, liebe Gemeinde. In der Kreuzesmeditation dazu heißt es: „… nur zwei
Balken braucht es und zwei Schrauben, und alles ist zur Hinrichtung bereit.“
Menschen müssen keinen großen Aufwand betreiben, um sich mit Tod und Zerstörung zu verbünden.
Zum Handlanger der Zerstörung kann schon werden, wer
allein den herrschenden Ideologien vertraut.
Aber auch, wer den Widerspruch nicht pflegt und lieber schläft statt wacht, kann zum Mittäter werden.
Der Platz hier an den Kreuzen in Gorleben ist zu einem Ort der Wachsamkeit geworden. Es geht um
eine widerständige Aufmerksamkeit mit langem Atem. Auf dem Handzettel, der vor 26 Jahren auf dem
gesamten Kreuzweg verteilt wurde, werden genannt: sterbende Wälder, belastete Böden und Gewässer,
giftige Müllhalden und die Atomunfälle von Windscale, Harrisburg und Tschernobyl. Vom Widerstand
gegen Gewinnsucht ist ebenso zu lesen wie von Unvernunft und Korruption.

Würde man heute einen solchen Handzettel schreiben, er würde noch mehr aufzählen müssen.
Fukushima, die drohende Klimakatastrophe, der Verlust an Biodiversität und die skandalöse Schere
zwischen reich und arm in unseren Gesellschaften. Dazu die Kriege, die seitdem Millionen Menschen
das Leben oder die Heimat gekostet haben. So wahr es ist, dass man nur zwei Schrauben und zwei
Balken braucht, um eine Hinrichtungsstätte zu schaffen, so wahr es ist, dass Tod und Zerstörung durch
banale Taten und Tätigkeiten ermöglicht werden, so wahr ist es, dass das Sterben und die Zerstörung
sich seit 1988 beschleunigt haben. Das G
ORLEBENER GEBET kann nicht für sich in Anspruch nehmen,
die Welt gerettet zu haben! Warum feiern wir also dieses Jubiläum?

Wir feiern heute dankbar 25 Jahre GORLEBENER GEBET, weil es an den Kreuzen in Gorleben nicht dabei geblieben ist,
Zerstörungserinnerung zu betreiben und Verletzungen zu markieren.
Das Symbol für den Kreuzweg ist zum Programm für viele Jahre G
ORLEBENER GEBET geworden: Das Kreuz trägt neue Triebe und Blätter.
Protest im Namen des schöpferischen Gottes gegen Zerstörung und Tod gehören nicht
irgendwie mit
Hoffnung zusammen, sie sind
real gelebte Hoffnung. Und unsere Hoffnung wird wirklich, wenn wir
beginnen für sie zu arbeiten. Wenn wir beginnen sie in konkrete Handlungsstrategien bringen. Die
Frage nach dem Leben erledigt sich nicht von selbst, sondern sie muss immer wieder neu gestellt
werden, wenn man mit Gott im Bunde sein will. Diese Frage ist kein Privileg der Kirchen. Sondern sie
ist all denen ans Herz gelegt, die eine Ahnung davon haben, was es an Wunderbarem mit diesem
Planeten und seiner Bewohnerschaft auf sich hat.

Die Kreuze auf der Erde sind nicht weniger geworden. Auch hier in Gorleben stehen verschieden
Kreuze aus verschiedenen Zusammenhängen. Schöpferisches Bewusstsein und Haltungen wachsen in
unserem Gebet den Versäumnissen entgegen, mit denen die Menschheit die Grundlagen des Lebens
angreifen. Hoffnung wird zur Kühnheit, die nicht vor den Fehlern einer Zivilisation verstummt. Hier in
Gorleben wurde und wird kühn gebetet. Warum? Weil hier gegen die Resignation von Hoffnungen
geträumt wird, die uns leben lassen; mutig leben gegen die Resignation dieser Wirklichkeit. So schrieb
es Klaus Schaefer, einer der wichtigsten Initiatoren dieses Gebetes in sein Tagebuch am August 1989:
Hier fordern wir Gott! Hier fordern wir uns; damit dieser Erde der schöpferische Geist nicht abhanden
kommt. Hier beten wir, damit dem Leben die Zukunft nicht davon läuft, sondern Gottes Zukunft in
unser Leben einbricht.
Das Gorlebener Gebet ist stark geworden, weil es Angst und Enttäuschung erträgt. Wir beten nicht,
damit alles einen guten Ausgang nimmt. Wir rufen Gott an und bitten ihn, uns zu stärken. Wenn die
Castoren immer wieder hinter den Zäunen verschwanden, wenn es still und trauriger wurde nach
aufgewühlten politischen Tagen, dann trafen sich aufrechte Menschen hier, um das Erlebte gemeinsam
zu ertragen. Hier wurden auch Tränen der Traurigkeit und der Wut im Gebet geweint.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass dieser Ort der Spiritualität auch mit Argwohn von der Kirche
betrachtet wurde. Gerade in den ersten Jahren gab es viel Skepsis. Auch die hannoversche
Landeskirche musste lernen, dass Menschen sich durch Hoffnung und Geist auch dort bewegen ließen
wo Kirchenordnungen, bischöfliche Statements oder theologisch tradierte Auslegungsversuche diese
Bewegung eher verhindert hätten. Ich erinnere für unsere Kirche kritisch daran, dass es 1980 zu
Pfingsten war, als Pastor Gottfried Mahlke in Gartow die Predigt am Bohrloch 1004 in der
Kirchengemeinde Trebel vom Landessuperintendenten untersagt wurde. Die Erinnerung an mutige
Zeugen, wie Pastor Mahlke, seine Ehefrau Heike Mahlke und viele, viele andere gehören auch in die
Erinnerung an die Geschichte unserer Kirche. Dort hat die Kirche Schuld auf sich geladen. Für diesen
Lernprozess, den die Landeskirche im Wendland durchlaufen musste, danke ich Ihnen. Ich danke Ihnen
als mutigen und wachen Mitgliedern unserer Kirche. Ich danke Ihnen als aufrechten Zeugen für eine
bedrohte Welt. So wirkt das G
ORLEBENER GEBET in unsere Kirche.

Für mich ist das GORLEBENER GEBET heute wichtig als ein Zeichen für Aufmerksamkeit. Es geht
darum, dass den Möglichkeiten zu Umkehr und Einsicht gesellschaftlich und politisch Gehör zu
verschaffen ist. Das geht nur durch Menschen, die Mut haben und die bereit sind, den Mund
aufzumachen. Wie sehr die Gesellschaft diese Mahnung braucht, wie sehr diese Gesellschaft sich z.B.
mit der Entscheidung zur kommerziellen Nutzung der Atomkraft verhoben hat, wie sehr sich die einst
gefeierten Möglichkeiten zu belastenden Unmöglichkeiten ausgewachsen haben, erleben wir an der
Endlagerfrage. Sind solche Irrtümer erst einmal manifestiert, verschwinden die weißen Landkarten aus
der Rückschau. Heute gilt es, die Fehler einer falschen Energiepolitik aufzuarbeiten und mühsam den

Ausgangspunkt für neues Vertrauen suchen. Der Vertrauensverlust, den wir als Gesellschaft erlitten
haben, wiegt schwer. Wir können nur hoffen, dass auch hier grüne Zweige wachsen, weil Menschen
den Mut aufbringen, neue Wege zu gehen. Weil wir der Kraft der Versöhnung vertrauen. Es geht nicht
darum, Sorge, Angst und Klagen zum Schweigen zu bringen. Hoffnung unter dem Kreuz Christi traut
sich an den konkreten Schmerz, weil sie im Schmerz geboren wurde. Das G
ORLEBENER GEBET bleib
als vernehmbare Stimme hier im Wendland immer auch ein Schritt aus trauriger Sprachlosigkeit. Eine
Sprache, die nicht mit Gewalt auf Gewalt antwortet.
Obwohl ich weiß, dass das Gorlebener Gebet als ökumenisches Gebet nicht nur von Christinnen und
Christen getragen ist, möchte ich mit einem Blick auf Jesus und seine Jünger schließen. Bevor Jesus
gekreuzigt wurde, ging er mit seinen vertrautesten Jüngern in den Garten Gethsemane, um dort zu
beten. Dort angekommen, bat er seine Jünger, mit ihm zu wachen. Als er zurückkam, waren Petrus,
Jakobus und Johannes eingeschlafen. Das wiederholt sich dreimal. Am Ende ist Jesus über seine Jünger
hörbar enttäuscht: „Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen?“ (Mk 14,41). Mich erinnert diese
Geschichte daran, dass es einen Schlaf gibt, der uns von Gott wegführt. Es geht um eine Trägheit oder
Müdigkeit, die uns von Jesus entfernt. Die gesellschaftlichen Schlafgewohnheiten gegenüber den
großen zivilisatorischen Herausforderungen und notwendigen Veränderungen gehören für mich zu den
enttäuschenden Schwächen der Gegenwart. Daraus entsteht noch kein moralischer Zwang, aber es
entsteht eine ethische Notwendigkeit. (W. Huber, Ethik S. 67) Gewohnter Schlaf an der Stelle, wo
wache Präsenz erwartet werden muss, markiert für Jesus selbst eine große Enttäuschung. Dieser Schlaf
vergrößert die Einsamkeit und schwächt die Gemeinschaft. Das G
ORLEBENER GEBET kann für sich in
Anspruch nehmen, Ort einer beharrlichen Wachheit gewesen zu sein. Eine Wachheit, die mit dem
bittenden „Wachet und betet!“ mit Jesu im Bunde war. Das G
ORLEBENER GEBET ist ein entschiedener
Versuch gegen die Versuchung, einfach nur dahinzudämmern. Jene, die nach aufmerksamer Hoffnung
im Namen Gottes fragen, sind aufmerksam und bringen ihre Sorge zu Gott mit den Versen aus dem
Römerbrief: „Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein? Gott hat seinen eigenen Sohn nicht
verschont, sondern ihn für uns alle dem Tod ausgeliefert. Sollte er uns da noch etwas vorenthalten?
Wer könnte es wagen, die von Gott Auserwählten anzuklagen? Niemand, denn Gott selbst hat sie von
aller Schuld freigesprochen. Wer wollte es wagen, sie zu verurteilen? Keiner, denn Christus ist für sie
gestorben, ja noch mehr: Er ist vom Tod auferweckt worden und hat seinen Platz an Gottes rechter
Seite eingenommen. Dort tritt er jetzt vor Gott für uns ein. Was also könnte uns von Christus und seiner
Liebe trennen? Leiden und Angst vielleicht? Verfolgung? Hunger? Armut? Gefahr oder gewaltsamer
Tod? Man geht wirklich mit uns um, wie es schon in der Heiligen Schrift beschrieben wird: "Weil wir
zu dir, Herr, gehören, werden wir überall verfolgt und getötet - wie Schafe werden wir geschlachtet!"

Aber dennoch: Mitten im Leid triumphieren wir über alles durch die Verbindung mit Christus, der uns
so geliebt hat. Denn ich bin ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder
Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch irgendwelche Gewalten, weder Hohes noch Tiefes oder sonst
irgendetwas können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn,schenkt.“

Amen

 

Predigt über 1. Korinther 118  

am 15. März 2015
Kurt Schaefer, 21762 Otterndorf

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,uns aber, die wir gerettet werden ist es eine Gotteskraft.

1985, heute vor 30 Jahren wir haben das Kreuz hinausgetragen.
Das Kreuz auf der Straße von Krümmel nach Gorleben.
Hinaus aus der Kirche, aus dem fromm religiösen Schutzpark, fürs Kreuz reserviert,
abgeschirmt von der Welt, staatsrechtlich geschützt.
Das Kreuz ein religiöses Symbol. Doch das Kreuz ist erstmal ein Neutrum.
Zwei Balken aus Holz übereinander genagelt. Sie werden morsch, vermodern, zerfallen. verschwinden, wie das Kreuz Jesu, zerfallen und wohl auch verschwunden ist.
So auch das Kreuz von 1985 morsch, zerfallen, verschwunden, nicht mehr da.
Und alle Kreuze hier werden einmal verschwinden,
auch das hier heute hergetragene aus bolivianischen Hölzern.

Das Kreuz ein Etwas, ein Neutrum. Das Kreuz an sich ist nicht etwas Religiöses.
Das Kreuz ist ein Marterpfahl. Das Kreuz ist blutige Realität, einst und heute.
Letztlich eine menschliche Torheit.
Das Kreuz steht für Starke über Schwache, für Reiche über Arme, für Mächtige über Machtlose,
für gierige Profiteure über der Schöpfung, für Wachstum über nachhaltigem Lebensstil,
für Tod über Leben.
Das Kreuz hat seinen Platz in der Welt, ist säkular. Es ist auf Golgatha aufgerichtet.
Mitten in der Welt wird Jesus gekreuzigt. Mächtige schlagen einen Schwachen an den Pfahl.
Nicht das Kreuz, der Gekreuzigte bildet die Mitte.
Das Kreuz Jesu ist nicht Zeichen für ein von Gott gefordertes Opfer.
Das Kreuz Jesu ist Zeichen menschlicher Gewalt, die sich bis heute fortsetzt.
Der Physiker und Philosoph Blaise Pascal sagt
„Jesus wird in der Todesqual sein bis zum Ende der Welt.“
                                         *****
Das Kreuz, jedem vernünftig denkenden Menschen, eine Torheit
Diese Torheit schultern wir.
Des Kreuzes Torheit geschieht in aller Welt:
hier in Gorleben wie in der Asse, in Mastställen und Billiglohnbetrieben, in Flüchtlingsströmen und Hungergebieten, in Krieg und Terror, so auch in Bolivien, wo Klima-Eskapaden,
von uns in den Industrieländern provoziert, Menschen in Not bringen, ihre Existenz bedrohen.
Und so wird mit dem Lebensstil in unserem Land, mit dem in meiner und in deiner Familie,
das Kreuz aufgerichtet. Groß der CO2-Fußabdruck unseres aufwendigen Lebensstils.
Der Kreuzweg für die Schöpfung 1985 und alle Kreuzwege bis heute 2015 sind Aufruf, sind Aufforderung, das Kreuz Jesu in der gegenwärtigen Welt zu erblicken, wo der Mensch seinen Himmel entwirft und seine Hölle wirkt.
Wir – alle die wir hier versammelt sind – wir sind involviert, schlagen Nägel ins Kreuz mit unserem gepflegten Lebensstil, einem kaum nachhaltigen, mit unserem extrem hohen Konsum:
CO2-ausstoßend unsere Mobilität, im Auto und auf Flugreisen.
Wie groß mag unser CO2-Abdruck vom heutigen Tag, dem Kreuzwegtag, 8. März 2015, sein?
Heute hier alle fast ausnahmslos automobil zusammengeströmt.
Wir sind auch Manager des Kreuzes. Wir zimmern das Kreuz mit, an das Jesus täglich genagelt wird. Wie Paul Gerhard in seinem Passionslied dichtet:
„Nun was du, Herr, erduldet ist alles meine Last,
ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.“
                              *****
Nun stehen wir unter dem Kreuz, tragen seine Last.
Liebe Freundinnen und Freunde,
lasst uns zu Menschen werden, die sich nicht gleich selbstgefällig als die Geretteten outen,
die sich vielmehr ansprechen und aufrufen lassen, umzukehren, Buße zu tun,
eine radikale Umkehr, das haben auch wir hier nötig, abzukehren von allem,
was Leben beeinträchtigt und belastet, behindert und beschädigt,
hinzukehren zum Erhalt und zur Bewahrung von Leben
einzukehren in eine Lebensweise wie Gott sie uns Menschen auf Erden zugedacht hat,
wo niemand hungern muss, alle satt, alle geachtet werden
über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg.
                               *****
Und wir haben es gemerkt und werden es immer wieder merken,
je weiter wir unser Herz für andere öffnen,
je beherzter wir für die Bewahrung der Erde eintreten,
je hörbarer wir dem Unrecht widerstehen,
je konsequenter wir uns für den Frieden einsetzen,
je beharrlicher wir auf die Würde aller Menschen pochen
desto schwieriger wird unser Leben in dieser globalisierten Welt
mit dem zerstörerischen Abgott „Wachstum“, offenbart im unmenschlichen Raubtier-kapitalismus, der Mensch und Kreatur unterdrückt, kaputt macht, der die Schöpfung auffrisst.
Unser Lebensstil ist zur Naturgewalt geworden, der weltweit Katastrophen hervorbringt.
Allerorten wird das Kreuz aufgerichtet. In der Nachfolge Jesu wird unser ganzes Leben ein Kreuzweg, steht in Konfrontation zu der Welt, wie sie sich gebärdet, in der vernichtet und zerstört wird, in der Menschen und andere Kreaturen geschunden werden.
Dorthin machen wir uns auf, dorthin führen unsere Kreuzwege 1985 und 2015
und alle in den dreißig Jahren dazwischen.
Das Kreuz wird uns ein Ort der Begegnung, zwischen uns den hier Versammelten,
wohl eine ökumenische Gemeinschaft, verbunden im Geist Gottes,
unabhängig von Glauben und Bekenntnis.
Aber das Kreuz wird gerade auch ein Ort der Begegnung mit der geschundenen Schöpfung,
mit unterdrückten Menschen, mit Flüchtlingen, Armen und Ausgegrenzten,
so auch mit Menschen in Bolivien, mit aller geschundenen Kreatur,
beraubt ihres Lebensraums in Mastställen und Reservaten.
In diesen Begegnungen haben wir miteinander auf den Kreuzwegen erfahren und gespürt,
spüren wir es immer wieder: das Kreuz Jesu wird uns zur Gottes Kraft.
Eine spirituell mystische Erfahrung.
Eins werden mit Gott nicht etwa eine bloß private Innerlichkeit, so eine egoistische Seelen-wellness. Jesus Christus finden wir in der Konfrontation mit der Welt in der Befreiung der Unterdrückten, ein Exodusgeschehen, im Widerstand gegen alles Zerstörerische.
Da begegnen wir den Gekreuzigten.
Wie Thomas im Johannesevangelium sehen wir seine Wundmale
in der geschundenen Kreatur
Aber wie Thomas dürfen wir erfahren, das Kreuz ist überwunden im Ja Gottes zum Leben,
in Jesu Auferstehung.
Gut, dass Kreuze vergänglich sind, unsere Hoffnung, unsere Vision, alle, aber auch alle Kreuze auf dieser Erde werden vergehen. So – allein so wird das Kreuz uns zur Gottes Kraft.
Denn jedes Kreuz, auch das von 1985 und auch das heute von 2015, ist Zeichen für das Kreuz Jesu auf Golgatha, verwittert, morsch, verschwunden.
Ist Zeichen dafür: das Kreuz ist überwunden in der Auferweckung Jesu zu neuem Leben.
Ein Gnadengeschenk Gottes an uns Menschen, das uns in die Pflicht nimmt, diesem neuen Leben auf Erden Raum zu geben. Das bedeutet Umkehr aus unserem alten Lebensstil.
Also nehmen wir das Kreuz auf uns, anders geht es nicht,
und folgen den Spuren Jesu,
widerstehen dem Bösen setzen uns ein für Gerechtigkeit,
für Frieden in einer bewahrten Schöpfung.
Wir gehen den Kreuzweg, als von Gott Angenommene, in der Gewissheit:

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen,
uns aber, die wir errettet werden, ist es eine Gotteskraft.

Amen

 

Das Gorlebener Gebet: Für das stetige Wachen

Gorlebener Gebet

Foto: Cornelia Kurth

Unter den Gorlebener Kreuzen treffen sich seit 25 Jahren Menschen zum Widerstand gegen die Atomkraft.

Das Gorlebener Gebet: 25 Jahre lang, jeden Sonntag bei Wind und Wetter, mal zu Hunderten und mal nur Zweien oder Dreien, wird im Wald beim geplanten Endlager für Atommüll dafür gewacht und gebetet, dass verantwortungslos erscheinende Energiepolitik nicht die Zukunft der Schöpfung gefährdet. Was eint die Menschen an, was lässt sie wiederkommen? Eine Reportage aus dem Wendland.
30.06.2014 | von Cornelia Kurth
"Wir sind furchtlos, ja!" Das sagt Hans-Dieter Kuhl, einst Bewährungshelfer, 78 Jahre alt, und seine 75jährige Frau Christa, pensionierte Lehrerin, nickt ihm lächelnd zu. Die beiden sind alte Kämpfer, erfahren im Demonstrieren und Diskutieren, längst gelassen im Umgang mit wehrhafter Polizei und ausgesprochen stoisch, wenn es darum geht, in Wind und Wetter protestierend auszuharren. Ziemlich außergewöhnliche Bürger, und doch heute nur ein Paar unter so vielen anderen Menschen, deren Leben von dem geprägt ist, was sie "Widerstand" nennen, Widerstand gegen den Einsatz der Atomkraft und vor allem Widerstand gegen das geplante Endlager für den strahlenden Müll im Erkundungsbergwerk Gorleben.

 

Wegweiser zum Gorlebener Gebet 2014.

 

"Fast alle, die sich an diesem Sonntag im Wald vor dem Erkundungsbergwerk zusammenfinden, haben "Kampf-Geschichten" zu erzählen, standen schon vermummten Hundertschaften der Polizei gegenüber, saßen in Straßenblockaden, flohen vor Wasserwerfern oder unterstützten diejenigen Castor-Gegner mit Speis, Trank und Ermutigung, die sich an den Transportgleisen zum Zwischenlager festgekettet hatten. Heute aber feiern sie den 25. Geburtstag eines meist eher stillen und gerade deshalb fast um so beeindruckenderen Protestes, das "Gorlebener Gebet", und sie feiern die Tatsache, dass sich wirklich ein Vierteljahrhundert lang jeden einzelnen Sonntag, sommers wie winters Menschen fanden, die eine Andacht hielten an diesem Ende der Welt, manches Mal zu Vielen und von der Presse begleitet, meistens aber nur mit einer Handvoll Betender und ohne einen anderen Zeugen als Gott.

"Was hast Du gemacht, damals?"

In einer Waldschneise treffen sich die Teilnehmer des "Gorlebener Gebetes", 300 Meter vom Eingang des Bergwerkes entfernt, mit Blick auf den Bohrturm, der sich bedrohlich wie der Turm einer feindlichen Burg erhebt, dort, wo drei große Holzkreuze stehen, das erste von ihnen 1988 aus dem bayrischen Wackersdorf 1113 Kilometer quer durch Deutschland bis ins abgelegene Wendland auf dem Rücken von Demonstranten angeschleppt.

 

Marianne Fritzen (rechts) und Evelyn Stendel wollen nachfolgenden Generationen eine saubere Welt hinterlassen

 

Marianne Fritzen war damals dabei, jetzt 90 Jahre alt, ebenso wie ihre Freundin, die fast 80jährige Evelyn Stendel, die das Holzkreuz ebenfalls trug, "aber nur kurz", sagt die zierliche Frau, "man will die Sache ja schließlich gesund überleben." Was sie eint, spricht Christa Kuhl aus: Das Bedürfnis, nicht beschämt und sprachlos dazustehen, wenn Kinder und Kindeskinder fragen: "Was hast Du gemacht, damals, als sie bereit waren, die Zukunft zu verraten?"

Nicht nur die Veteranen kommen an diesem Sonntag zur traditionellen Gebetszeit um 14 Uhr, auch jüngere Leute sind unter den wackeren Betern, darunter die Kinder und Enkelkinder des Ehepaars Kuhl, chorsingende Studenten aus Oldenburg, die Gäste aus Namibia mitbringen, die beiden jüdischen Künstlerinnen Jalda Redling und Anna Adam aus Berlin, die dafür sorgen, dass sich ein Band aus 1000 bunten Gebetsfahnen entlang der Bäume rund um das Erkundungsbergwerk zieht.

Zeitreise mit "Atomkraft - Nein Danke"-Schildchen

Bevor man sich nämlich bei den drei Holzkreuzen trifft, startet ein "Widerstands-Marathon", der einmal um das mit Nato-Draht abgeschirmte Bergwerk führt, von dessen Mauern Wachleute betont gleichgültig herabschauen.

 

Man stärkt sich zuvor mit Bio-Limo und dem Gesang der allerersten Protestlieder ("Das Wendland bleibt frei!") und steht dabei in der Nähe eines Schiffes, ja, der Greenpeace-Beluga, die im letzten Jahr auf der Waldlichtung ihren letzten Hafen fand. Wer noch nie in Gorleben war, kann sich wirklich zurückversetzt fühlen in die 1980er Jahre, wo selbstverständlich jeder, der was auf sich hielt, ein "Atomkraft - Nein Danke"-Schildchen trug, wo die Frauen ihre langen Haare offen trugen und die Männer in bunten Hosen herumliefen. Yogalehrerin Elisabeth Hafner-Reckers aus dem benachbarten Rehbeck, Organisatorin der Gebetstermine, sie wirkt mit ihrer runden Brille, ihrem Lachen und der orangen Jacke immer noch wie das Mädchen von damals, das bei den Demos die Fahne trug.

Da stehen und sitzen nun alle nach dem "Marathon", an dessen einer Station Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) eine flammende Rede hielt, im Wald bei einem Holzunterstand, wo Berge von Obst, Brötchen und Bioaufschnitt sich türmen, und man fühlt sich wie auf einem Geburtstagsfest, dessen Höhepunkt gleich beginnen wird. Zum ungefähr 1.500. Mal versammeln sich dann alle bei den drei Holzkreuzen, und neben Vertretern der katholischen Kirche wird als besonderer Gast der hannoversche Landesbischof Ralf Meister erwartet, mit Spannung, sitzt er doch seit kurzem in der Endlager-Kommission, die entscheiden wird, wie es mit Gorleben weitergehen soll.

 

Bischof Ralf Meister lobt Atom-Widerstand im "Gorlebener Gebet".

 

"Ihr missbraucht das Kreuz!" - diesen harten Vorwurf nämlich, wie er oftmals aus Politik und auch der Kirche erhoben wurde, werden Hans-Dieter und Christa Kuhl niemals vergessen. "Ich weiß noch zu gut, wie es hieß: 'Ihr werdet doch wohl nicht in Gottes Namen eine Technik behindern wollen, die so viel Gutes für die Zukunft bringen wird", sagt Hans-Dieter Kuhl. "Dabei hatte es da den Super-Gau in Tschernobyl schon gegeben." Was also würde der Landesbischof sagen, welche Richtung seine Predigt nehmen? Propst Stephan Wichert-von Holten von der Propstei Lüchow war eher vorsichtig und sprach davon, Gott zu danken für jede "kleinste Erfüllung" von 25 Jahren Gebeten, die doch aber immer aufs Ganze gingen, nämlich, dass Schluss sein soll mit Zwischenlager und vor allem mit den zweifelhaften Endlagerplänen.

Landesbischof Meister ließ sich auf keinerlei Kompromiss ein. Er schilderte, wie er vor vier Jahren zum ersten Mal und ganz allein den geschichtsträchtigen Gebetsplatz im Abenddämmerungs-Wald besuchte und ihm klar wurde, dass das Gorlebener Anliegen zu einem der wichtigsten Anliegen auch der Landeskirche werden müsse; wie er daran dachte, dass zwei Balken und zwei Schrauben schon ausreichen, um eine Hinrichtungsstätte in Form des Kreuzes zu errichten, und dass bereits durch zunächst vielleicht harmlos erscheinende Taten Leid, Schmerz und Zerstörung entstehen kann.

Atomkraftgegner blicken zuversichtlich in die Zukunft

"Ich will nicht verschweigen, dass die Kirche diesen Ort mit Argwohn betrachtete und das Gorlebener Gebet am liebsten verhindert hätte", sagte er. Das kontinuierliche Gebet aber habe der Möglichkeit zur gesellschaftlichen Umkehr Gehör verschafft, auch in der Landeskirche.

 

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"Wir müssen uns bewusst sein, dass zum Handlanger der Zerstörung schon werden kann, wer allein den herrschenden Ideologien vertraue", so Meister weiter. "Auch, wer den Widerspruch nicht pflegt und lieber schläft statt wacht, kann zum Mittäter werden." Das Gorlebener Gebet sei "ein entschiedener Versuch gegen die Versuchung, einfach nur dahinzudämmern". Hätte es sich nicht um eine Andacht, sondern um eine politische Rede gehalten, die über hundert Teilnehmer wären wohl alle aufgesprungen und hätten stehenden Applaus gespendet.

 

Hans-Dieter Kuhl ist erfahren im Kampf gegen die Atomkraft.

 

Statt dessen sangen sie zum Abschied das schöne "Bleibet hier, wachet und betet", und machten sich dann auf ins in der Gegend weithin berühmte "Widerstands-Gasthaus Wiese" in Nachbardorf Gedelitz, wo es Jubiläumstorte zu verspeisen galt und man sich erneut versprach, im Fall, dass Gorleben endgültig als mögliches Endlager ausscheide, Gott weitere 25 Jahre lang für den Erfolg zu danken. "Ich fange schon jetzt damit an", meinte Hans-Dieter Kuhl. "Denn ich weiß, ich weiß, dass wir Erfolg haben!"

27.06.14

 

Landesbischof Meister lobt Atomkraft-Widerstand im "Gorlebener Gebet"

Gorleben/Kr. Lüchow-Dannenberg (epd). Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat das "Gorlebener Gebet" im Wendland als Beispiel für "widerständige Aufmerksamkeit mit langem Atem" bezeichnet. Im Wald neben dem Erkundungsbergwerk im niedersächsischen Gorleben sagte er am Sonntag in einer Predigt, hier gehe es darum, den Möglichkeiten zu Umkehr und Einsicht gesellschaftlich und politisch Gehör zu verschaffen. Seit 25 Jahren kommen Menschen jeden Sonntag im Wald zusammen, um dafür zu beten, dass der Gorlebener Salzstock kein Atommüll-Lager wird.

Die Organisatoren rechnen sich deshalb zur Protestbewegung gegen die Atomanlagen, die an den Wald angrenzen. "Wie sehr die Gesellschaft diese Mahnung braucht, erleben wir an der Endlagerfrage", sagte Meister. "Heute gilt es, die Fehler einer falschen Energiepolitik aufzuarbeiten und mühsam den Ausgangspunkt für neues Vertrauen suchen." Der Vertrauensverlust, den die Gesellschaft durch die Energiepolitik vergangener Jahre erlitten habe, wiege schwer. Meister ist Mitglied einer bundesweiten Kommission, die bis spätestens 2016 Kriterien für die Suche nach einem Atommüll-Endlager erarbeiten soll.

Meister sagte, Menschen müssten keinen großen Aufwand betreiben, um sich mit Tod und Zerstörung zu verbünden. Zum Handlanger der Zerstörung könne schon werden, wer allein den herrschenden Ideologien vertraue. "Aber auch, wer den Widerspruch nicht pflegt und lieber schläft statt wacht, kann zum Mittäter werden." Das Gorlebener Gebet sei "ein entschiedener Versuch gegen die Versuchung, einfach nur dahinzudämmern".

Seit 1989 werden die "Gorlebener Gebete" regelmäßig gefeiert. Doch ihre Geschichte reicht weiter zurück und ist eng verknüpft mit dem Streit um die Atomkraft in Deutschland. 1985 haben Atomkraftgegner erstmals ein Holzkreuz nach Gorleben getragen. Auseinandersetzungen mit den Behörden und mit Kirchenvertretern begleiteten seinen Weg vom Kraftwerk Krümmel bei Hamburg ins Wendland.

1988 beteiligten sich rund 6.000 Menschen an einem Protestmarsch vom bayerischen Wackersdorf nach Gorleben. Brüchig geworden steht das Kreuz von damals noch dort, angelehnt an einen Baum. Auch andere Kreuze wurden bei "Kreuzwegen für die Schöpfung" in den Wald geschleppt - 2001 etwa von Lüneburg entlang der letzten Etappe der Castor-Transporte aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins Gorlebener Zwischenlager.

Die Atommüll-Halle, in der 113 Behälter mit Kernbrennstoffen lagern, liegt kaum einen halben Kilometer vom Andachtsort entfernt. Zuletzt rollten im November 2011 Castoren nach Gorleben, begleitet von Massenprotesten. Mit ihnen stieg auch die Besucherzahl der Gorlebener Gebete oft auf mehr als 150 an. Aber selbst jetzt, nachdem die Politik einen Neustart für die Suche nach einem atomaren Endlager angekündigt hat, kommen jede Woche etwa 30 Menschen, um zu beten.

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24. Juni 2014, 10:08

Nachricht

Beharrlicher Protest an den Gorleben Kreuzen

Ein Neustart in der Endlagersuche. Für die Initiative Gorlebener Gebet ändert das nichts

Von Karen Miether (epd)

Gorleben/ Kr. Lüchow-Dannenberg (epd). Elisabeth Hafner-Reckers holt Planen und Strohsäcke aus einem Verschlag - Nässeschutz und Polster. Richtig bequem wird der Sitzplatz auf einem mit Bohlen befestigten Erdwall auch damit nicht. An Birken, Kiefern und vier Holzkreuzen vorbei fällt der Blick auf das Erkundungsbergwerk im niedersächsischen Gorleben. An jedem Sonntag treffen sich hier im Wald Menschen zum "Gorlebener Gebet", seit 25 Jahren schon. So lange der Salzstock als Endlager für Atommüll in der Auswahl bleibt, wollen sie damit weitermachen - mindestens.

"Wenn Gorleben als Standort aufgegeben wird, werden wir 25 Jahre weiter hier sitzen und Gott danken", zitiert Elisabeth Hafner-Reckers einen langjährigen Mitstreiter. Die Gruppe rechnet sich zur Protestbewegung gegen die Atomanlagen, die an den Wald angrenzen. "Ob bei Kälte oder strömendem Regen, noch nie ist ein Gorlebener Gebet ausgefallen", sagt Koordinatorin Christa Kuhl. Am 29. Juni feiert die Initiative mit dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister als Gast ihren Jahrestag der Beharrlichkeit.

"Das Gorlebener Gebet ist ein hoffnungsweckendes Beispiel dafür, wie widerständig der christliche Glaube sein kann", sagt der evangelische Bischof. Längst ist die Initiative in der Kirche anerkannt. In den Anfangsjahren allerdings wurde sie mit Misstrauen betrachtet, denn im Wald predigen nicht nur Theologen. Mal spricht ein Ehepaar im Wechsel, dann wieder gestaltet ein Studentenchor die Andacht. Muslimische Frauen haben schon Friedenstexte aus dem Koran vorgelesen.

Seit 1989 werden die "Gorlebener Gebete" regelmäßig gefeiert. Doch ihre Geschichte reicht weiter zurück und ist eng verknüpft mit dem Streit um die Atomkraft in Deutschland. 1985 haben Atomkraftgegner erstmals ein Holzkreuz nach Gorleben getragen. Auseinandersetzungen mit den Behörden und mit Kirchenvertretern begleiteten seinen Weg vom Kraftwerk Krümmel bei Hamburg ins Wendland.

1988 beteiligten sich rund 6.000 Menschen an einem Protestmarsch vom bayerischen Wackersdorf nach Gorleben. Brüchig geworden steht das Kreuz von damals noch dort, angelehnt an einen Baum. Auch die anderen Kreuze wurden bei "Kreuzwegen für die Schöpfung" in den Wald geschleppt - 2001 etwa von Lüneburg entlang der letzten Etappe der Castor-Transporte aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins Gorlebener Zwischenlager.

Die Atommüll-Halle, in der 113 Behälter mit Kernbrennstoffen lagern, liegt kaum einen halben Kilometer vom Andachtsort entfernt. Zuletzt rollten im November 2011 Castoren nach Gorleben, begleitet von Massenprotesten. Mit ihnen stieg auch die Besucherzahl der Gorlebener Gebete oft auf mehr als 150 an. Aber selbst jetzt, nachdem die Politik einen Neustart für die Suche nach einem atomaren Endlager angekündigt hat, kommen Kuhl zufolge rund 30 Menschen jede Woche - so auch an diesem Tag.

"Es wird keine objektiven Kriterien für ein Endlager geben, solange Gorleben in die Suche einbezogen ist und in den Köpfen spukt", sagt Elisabeth Hafner-Reckers. Doch nicht nur für eine politische Umkehr mit Blick auf Gorleben beten die Frauen und Männer. "Wir bitten um Frieden und Hilfe gegen den Hunger in der Welt", ergänzt Christa Kuhl: "Es geht um Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung."

Die ungezwungene Atmosphäre unter freiem Himmel zieht auch Menschen an, die sonst in keine Kirche gehen. "Für mich ist das hier die Gemeinde", sagt Ruth Meiners aus Salzwedel. Seit 15 Jahren kommt sie hierher. Mittlerweile ist sie 84 und hat einen bequemen Klappstuhl dabei. "Wenn Gorleben bei der Endlagersuche rausfällt, treffen wir uns aus anderen Anlässen", sagt sie. Doch die Skepsis überwiegt: "Wir glauben nicht daran." (3033/13.06.14)

epd lnb mir mil

 

 

 

Leserbrief von Christa Kuhl, betreffend den Artikel "Nicht mit dem Bauernverband streiten" in der EJZ vom 7.10.2013

"Glasklare Stellung"

"Landessuperintendent Rathing war gekommen, um sich über Tierhaltung auf einem Neuland-Hof im Wendland zu informieren.
Ein lobenswertes Vorhaben! Konfrontiert mit kritischen Äußerungen zur industriellen Tierhaltung blieb der Kirchenmann - wie ich
es dem Artikel in der EJZ entnehme - neutral, er sah die Aufgabe der Kirche weniger in der Äußerung fester ethischer Positionen.
        Glücklicherweise sind von der evangelischen Kirchensynode und von kirchlichen Arbeitsgemeinschaften klare Positionen
gegen Massentierhaltungen eingenommen worden, auch wenn Landessuperintendent Rathing darin zur Zeit keine Aufgabe der
Kirche sieht.  Im Frühjahr 2012 wurde vom katholischen Bistum Hildesheim ein ökumenischer Kreuzweg initiiert, der an
"wunden Punkten" in unserem Bundesland Station machte: Asse, Schacht Konrad, Gorleben - und Wietze. Anlässlich der
Großdemo  Ende August dieses Jahres gegen die gigantische Hähnchen-Schlachtanlage in Wietze wurde am Sonntag dort auch ein
ökumenischer Gottesdienst gehalten.
        Christen und Nichtchristen, viele Menschen guten Willens beziehen eine glasklare Stellung, sie nennen Unrecht und
Verantwortungslosigkeit beim Namen. Sie treten ein für die Bewahrung der Schöpfung, für Frieden und Gerechtigkeit gegenüber
Menschen - und Tieren.
        Das ist auch ein Anliegen des Gorlebener Gebetes seit nahezu 25 Jahren. Am Platz der sonntäglichen Andachten steht neben
anderen auch das Kreuz des Kreuzwegs 2012 mit den Namen der Orte, an denen wir nicht vorbeisehen dürfen: Asse,
Schacht Konrad, Gorleben, Wietze. Unser Blick, unsere Verantwortung und unsere Gebete gehen über den Gorlebener Horizont hinaus.
        Wachsamkeit und ethisch begründeter Widerstand sind unsere Aufgaben!"

Christa Kuhl, Schreyahn, Ökumenische Initiative Gorlebener Gebet

 

Liebe Freundinnen und Freunde des Gorlebener Gebets!

Am Sonntag, dem 8. März 2015, begegneten sich beim Gorlebener Gebet
zwei Kreuzwege über einen Zeitraum von 30 Jahren hinweg:
Aktuell hielt der
5. Oekumenische Kreuzweg für die Schöpfung
Station an den Atomanlagen in Gorleben.
Die anschließende Andacht erinnerte an den
1. Kreuzweg für die
Schöpfung
vor genau 30 Jahren. Damals wurde ein großes Holzkreuz vom
AKW Krümmel auf dem Weg der geplanten Atommülltransporte nach
Gorleben getragen.
Es gab Streit quer durch Familien, Parteien- und Kirchenzugehörigkeit:
den einen war der Kreuzweg zu politisch, den anderen zu christlich
für das sonntägliche Gorlebener Gebet.
Pastor Kurt Schaefer aus Otterndorf war einer der Initiatoren des
1. Kreuzwegs. In seinem Buch:“Ein Dennoch in unsicherer Zeit“
dokumentiert er die Geschichte der
Kreuzwege für die Schöpfung 1985
und 1988
und berichtet von Schwierigkeiten und Widerständen, aber
auch vom beharrlichen und mutigen Festhalten an dem erkannten Auftrag.

Das Kreuz nannte er „ ein Symbol, das eigene Schuld eingesteht und zur
Umkehr ruft, zur Solidarität mit den Schwachen, dazu gehören neben
allem Leben auf Erden auch unsere zukünftigen nachgeborenen
Generationen. Unter dem Kreuz Jesu werden wir zu Menschen, die sich
nicht selbstgefällig als die Gerechten outen, die sich vielmehr ansprechen
und aufrufen lassen, umzukehren, das heißt abzukehren von allem, was
das Leben beeinträchtigt und belastet, behindert und beschädigt,
einzutreten für die Bewahrung der Schöpfung und hinzukehren zu einer
Lebensweise, wie Gott sie uns auf Erden zugedacht hat, wo niemand
hungern muss , alle satt werden und geachtet werden.“
Bei der Andacht am 8. März sagte K. Schaefer in seiner Ansprache:
„Gut, dass Kreuze vergänglich sind. Unsere Hoffnung, unsere Vision ist
und bleibt: Alle, aber auch alle Kreuze auf dieser Erde werden
überwunden und vergehen, verschwinden. Symbol dafür ist das verfallene
Kreuz vom Kreuzweg 1985 : verwittert, morsch geworden, zerfallen,
verschwunden. Nicht mehr da.
Eine Welt ohne Kreuze – unsere Kreuzwege und das Gorlebener Gebet
geben dieser Vision einen Ort mitten in dieser Welt.“

Wir freuen uns, dass bei der diesjährigen Kulturellen Landpartie unser
schönes Wendland sich wieder von seiner bunten, lebendigen und
kreativen Seite zeigen kann. Zu den „Wunderpunkten“ gehören aber auch
die „wunden Punkte“. Die BI hat einen Aktionstag geplant, bei dem alle
Veranstaltungen der KLP an den Atomanlagen stattfinden werden.
Auch das
Gorlebener Gebet gehört in das Programm: Am 22.Mai,
dem Freitag vor Pfingsten, halten wir eine Andacht um 14 Uhr am Platz
unter den Kreuzen. Wir hoffen, dass sich viele Menschen mit uns
verbinden im Gebet und im Widerstand!
Ein herzlicher Gruß an alle, die sich diesem Auftrag widmen!

Christa Kuhl 

        

 

„Wir können`s doch versuchen“ -

2. Kreuzweg für die Schöpfung vor 25 Jahren

Im Rückblick erscheint alles ganz einfach und „musste“ so und nicht anders ablaufen: Auf den 1. Kreuzweg 1985 schloss sich der zweite 1988 an, und aus beiden erwuchsen dann 1989 das Gorlebener Gebet und weitere Kreuzwege 1991 und 2001; aber solcher Art Rückblick verdeckt, unter welchen Bedenken, Fragen, Zweifeln die Dinge zustande kamen: Als z.B. im Herbst `86 beim Treffen mehrerer Basisgruppen in Neetze der Plan „2. Kreuzweg von Wackersdorf/-Bayern nach Gorleben“ im Raume stand, überwog zunächst die Skepsis: „~1100km Kreuzweg zu organisieren, das wäre ja nun doch `ne Nummer zu groß, oder!?“
Doch da geschah es, dass ein winziger Satz, zur rechten Zeit gesagt, mit dem passenden Ton der Ermutigung gesprochen, die Stimmung veränderte. Es war – und ich vergesse es nicht – Elisabeth Thomsen, die sagte: „Wir können`s doch versuchen; wir fahren erst mal nach Frankfurt und laden ein, und dann sehen wir weiter!“
Dieser Satz veränderte alles – sonderbar schlagartig – zum „Ja!“ hin, und der mutige Plan stand: Ja, man wollte den Kirchentag in Frankfurt `87 zum Anwerben von Mitakteuren für den Kreuzweg `88 nutzen, und es geschah so.
Nun, heute steht der Kreuzweg `88 nach 25 Jahren als (so zu sagen) „Silberner Jubilar“ da, und das heißt: Das ambitionierte Marsch-projekt Wackersdorf – Gorleben war gelungen!Vom 27.3. bis zum 28.5. `88 wurden 1113km zurückgelegt, von vielen Gruppen am Wege unterstützt, von ca 6000 Kreuzweglern mitgegangen, die das Kreuz trugen und Andachten hielten (drei darunter, die den ganzen Weg gingen: Lisa Weiler, Dieter Schaarschmidt, Martin Scholz), mit dem Zielpunkt Gorlebener Wald, wo das Kreuz neben seinem 85er Vorgänger so positioniert wurde, dass der Blick auf den Erkundungsbohrturm das Kreuz mit einfing. M.a.W. : Auf einen Blick sollte im Zeichen des Kreuzes der Leid-, Zerstörungs-,Anmaßungspunkt des Bemühens „Endlagerung“ klar sein. Aber noch immer scheint mir: Es war wohl Elisabeth Thomsens kleiner Satz gewesen – im richtigen Augenblick und mit dem richtigen Ton gesprochen - der den Ausschlag gab: „Wir können`s doch  versuchen!“
Dass nach dem Wunder des Kreuzwegs `88 ab Juli `89 noch ein weiteres Wunder geschah, mag schon fast nicht mehr verwundern: Seit dem 3. 7. `89 hat an jedem Sonntag um 14 Uhr an den Kreuzen ein Gorlebener Gebet stattgefunden.
Auch hier hatte die Skepsis am Anfang gestanden: „Wäre nicht ein gelegentliches oder monatliches oder ein 14tägiges Gebet eher auf die Beine zu stellen als ein wöchentliches?“
Aber so, wie sich `88 an der 1100km-Strecke genügend Gruppen fanden, so haben sich an der 24 Jahre-Strecke seit `89 genügend Einzelne, Gruppen, Besucher gefunden, das Gorlebener Gebet lebendig zu halten. ( Und zum Glück fanden sich mit Günther Buschmann, Friedrich Drude, Katja Tempel, Ehepaar Kuhl auch immer Koordinatoren! )
Ach ja, Kreuzweg `88 liegt weit zurück, und das Gorlebener Gebet mit seiner offenbar unerschütterlichen „Gorleben, nein!“- Dogmatik war mir oft ferner, als die 50km Dahlenburg - Gorleben erkennen lassen. Aber wenn ich dann mit halbjähriger (Un-) Regelmäßigkeit wieder beim Gorlebener Gebet bin, bin ich so froh, dass es existiert und dass die Kreuzwege gegangen wurden und dass die Andachtsstelle im Wald sonntäglich Menschen versammelt und versucht, ihnen im Zeichen des Kreuzes geistliche und praktische Orientierung in einer bedrohten Welt zu geben.
Solche Orientierung hat angesichts der Größe der Bedrohung wenig Aussicht auf Erfolg, aber sie setzt auch den positiven Impuls: „Wir können`s doch versuchen!“, und manchmal schon war dieser Impuls äußerst erfolgreich.
Christian Gohde, Dahlenburg

 

 

TAZ vom 24.3.2014

Gorlebener Gebet

Beharrlicher Protest im Kiefernwald

Mal kommen zehn, mal 200, Protestanten, Katholiken, Muslime oder "Kirchenferne" jeden Sonntag seit 25 Jahren zur atomkritischen Andacht nach Gorleben.

Keine normale Andacht - und schon gar kein Gottesdienst: Gorlebener Gebet am nuklearen "Schwarzbau".  Bild: Privat

GORLEBEN taz | Es gibt bequemere Orte. Auf einer Schneise im Kiefernwald zwischen Gorleben und Gedelitz stehen drei Kreuze im sandigen Boden. Eines ist so stark verwittert, dass es von einem Baum abgestützt werden muss. Grob behauene Stämme dienen als Bänke. Kaum mehr als 100 Meter entfernt, mit Zäunen gesichert: das Areal des Gorlebener Erkundungsbergwerks. Seit Ende der 1970er-Jahre wird der untertägige Salzstock auf seine Tauglichkeit als Endlager für hochradioaktiven Müll geprüft. Tatsächlich, so sehen es zumindest die Atomkraftgegner, ist unter dem Deckmantel der Erkundung längst eine Lagerstätte für den strahlenden Schrott aufgefahren worden – „Schwarzbau“ nennen sie deshalb das Bergwerk.

Auf der anderen Seite der Straße, noch in Sichtweite des rustikalen Gebetsplatzes, erhebt sich wuchtig der andere Teil des Atomkomplexes: links die Lagerhalle für Castorbehälter, daneben das Zwischenlager für schwach und mittelradioaktive Abfälle. Die Fabrik mit dem hohen Schornstein ist die Pilotkonditionierungsanlage (PKA). Eines Tages, wenn die PKA ihren „heißen“ Betrieb aufgenommen hat, könnten darin Castorbehälter zerschnitten und ihr strahlender Inhalt neu verpackt, das heißt für die Endlagerung konditioniert werden.

„Hier ist es“, sagt Christa Kuhl. Hier, an den Kreuzen im Wald, treffen sich Menschen zum „Gorlebener Gebet“, Sonntag für Sonntag, seit inzwischen 25 Jahren. Sie halten Andachten ab, singen Lieder und mahnen einen anderen Umgang an mit Atommüll und der Umwelt überhaupt. „Wir kämpfen gegen die Atomwirtschaft weltweit“, sagt Kuhl, „und für den Frieden.“
Am Anfang: ein Protestmarsch

Entstanden ist die Initiative „Gorlebener Gebet“ 1988 nach einem großen Protestmarsch, 1.113 Kilometer vom bayrischen Wackersdorf bis nach Gorleben, Landkreis Lüchow-Dannenberg, im äußersten Nordosten von Niedersachsen. 63 Tage lang hatten Demonstranten ein schweres Holzkreuz mit sich geschleppt, das sie am Schluss in den Gorlebener Waldboden rammten. Ein paar Beteiligte überlegten sich weitere Aktionen, zu einem festen Termin im wendländischen Protestkalender wurden die Gebete dann im Frühsommer des folgenden Jahres.

Damals war Christa Kuhl noch nicht mit von der Partie. Vor elf Jahren zog die heute 75-Jährige mit ihrem Mann ins Wendland, „den Kindern hinterher“, sagt sie, „die hier schon lange im Widerstand waren“. Bis dahin hatten sich die Eheleute in Hameln gegen das nahe gelegene AKW Grohnde engagiert. Seit sieben Jahren koordiniert die pensionierte Lehrerin nun die Gorlebener Gebete. „Wir sind kein eingetragener Verein, haben auch keine Statuten, wir sind ein kleiner Kreis von Menschen, die sich dieser Sache verschrieben haben“, beschreibt Kuhl die Initiative.

„Gorleben ist nicht nur Synonym für den energiepolitischen Irrwitz, der Ausdruck im Strahlenmüll findet“, sagt Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI). „Es ist auch Ort der Hoffnung auf eine Umkehr und eine außergewöhnliche Form der interkulturellen Verständigung.“

Das Gorlebener Gebet, das ist Christa Kuhl wichtig, ist eine ökumenische, ja sogar eine interreligiöse Initiative: Neben evangelischen und katholischen Christen haben schon eine jüdische Kantorin sowie Muslime die Veranstaltungen geleitet. Die erste muslimische Andacht vor drei Jahren bereiteten zwei arabischstämmige Ärzte aus dem Wendland vor, eine zweite wurde von muslimischem Frauen gestaltet.

Rund 1.500 Veranstaltungen hat es inzwischen gegeben. „Kein einziges Mal“, versichert Kuhl, sei das Gorlebener Gebet ausgefallen, „auch bei Eis, Schnee und Regen nicht“. Im Durchschnitt kommen zwischen zehn und 30 Menschen, manchmal mehr, selten weniger. Sie kommen auch deshalb, weil die Gorlebener Gebete keine normalen Andachten sind – und Gottesdienste schon gar nicht. „Für viele“, sagt Kuhl, „ist das Gorlebener Gebet eine Möglichkeit, ihr Christsein und ihre Spiritualität auf eine Art zu feiern, wie es in den festgefügten Ritualen der Kirche oft nicht möglich ist.“
Feste Rituale gibt es dabei auch hier: Rollt ein Castortransport ins Wendland, sind die Veranstaltungen besonders gut besucht, am Sonntag vor der bislang letzten Atommüllfuhre im November 2011 versammelten sich an den Holzkreuzen 200 Menschen. „Die Aktivisten, die in den Tagen und Nächten danach in den Widerstand gehen und sich an den Blockaden beteiligen, werden alle persönlich gesegnet“, sagt Kuhl. Ein weiteres Ritual: Nach dem Gebet trifft man sich zu Kaffeetrinken und Klönschnack im Gasthaus Wiese in Gedelitz, einer der traditionellen Widerstandskneipen rund um Gorleben.
Überhaupt sieht sich das Gorlebener Gebet als Bestandteil des Widerstandes im Wendland – als eigenständigen Bestandteil allerdings, sagt Kuhl: „Widersetzen, x-tausendmal quer, die Bäuerliche Notgemeinschaft, die BI – wir machen mit denen keine gemeinsamen Aktionen, aber wir unterstützen einander. Es gibt eben unterschiedliche Wege zum gemeinsamen Ziel.“

Besuch vom „Politrentner“
Am vorletzten Sonntagnachmittag haben sich rund 70 Menschen auf der kleinen Lichtung zum Gorlebener Gebet versammelt. Besuch von auswärts hat sich angekündigt: Die Teilnehmer eines ökumenischen „Kreuzweges für die Schöpfung“, gestartet am 9. März in Hildesheim und am Tag zuvor am maroden Atommülllager Asse zu Ende gegangen, machen Station in Gorleben. Auch der frühere sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt, ein Christdemokrat, ist ins Wendland gekommen. Die katholische Kirche hat den 69-Jährigen, bis dahin nie als Atomfachmann aufgefallen, in jene Kommission entsandt, die ab April Grundlagen für die Endlagersuche erarbeiten und das im vergangenen Jahr verabschiedete Suchgesetz evaluieren soll.

Als „Politrentner“ sei er niemandem verpflichtet, entgegnet Milbradt im Anschluss an das Gebet in der Gorlebener Kapelle Zuhörern, die argwöhnen, er werde in der Kommission Unions-Positionen vertreten. Er sehe seine Funktion auch nicht als Vertreter der Katholiken, eher als Vermittler: „Die Beteiligten müssen zueinander kommen“, dazu wolle er einen Beitrag leisten, sagt Milbradt und zieht wiederholt Parallelen zu seiner Rolle als Schlichter bei Tarifverhandlungen.

„Bei der Endlagersuche gibt es keine Formelkompromisse, da geht es um weitgehende Sicherheit“, sagt Wolfgang Ehmke von der BI. Es sei positiv, dass Milbradt gekommen sei und sich am Gorleben-Gebet beteiligt habe. „Zum Gorleben-Gefühl gehört eben auch, dass die Menschen über 35 Jahre lang getäuscht wurden. Von Milbradt hatten wir klare Worte erhofft: Wie sollen Menschen Vertrauen in einen offenen und fairen Suchprozess gewinnen, wenn an Gorleben festgehalten wird?“

Ein gutes Verhältnis haben die Leute vom Gorlebener Gebet inzwischen zur Amtskirche, sogar zu deren Leitung. „Viele Pastoren aus dem Wendland sind ja im Widerstand“, sagt Kuhl. Bei Castortransporten sind bis zu 50 Pfarrer als Streitschlichter und Vermittler unterwegs. Beim Gorlebener Gebet selbst übernehmen Amtsträger wie auch Ruhestandspastoren Andachten.

Die Kirchenoberen waren skeptisch

So viel Harmonie war nicht immer: „In den Anfangsjahren gab es außerordentlich politische und theologische Auseinandersetzungen“, erinnert sich Ruhestandspastor Kurt Schaefer aus Otterndorf bei Stade, der zu den Begründern der Gebete gehört und ein Buch über die Initiative verfasst hat. Noch nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 sei das Engagement im Wald von der Kirchenleitung skeptisch gesehen worden, erzählt Schaefer. „Die Andachten wurden ja nicht immer von Theologen gestaltet und manchmal auch von Gruppen, die etwas kirchenfern waren.“

Zur offiziellen Geburtstagsfeier kommt jetzt am 29. Juni der hannoversche Landesbischof Ralf Meister nach Gorleben. „Wir haben da einfach mal ganz oben angefragt“, erklärt der Initiativkreis, „und eine Zusage erhalten.“ Gratulieren wollen auch die übrigen Anti-Atom-Gruppen aus dem Wendland: mit einem „Widerstandsmarathon“.